Perfide Kritik an demokratischen Gesellschaften
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| + | #Die Welt, wie sie heute ist, ist das Ergebnis aller vorangehenden Entscheidungen. Damit sind auch die Wirtschaftslenker*innen mitverantwortlich für die Gegenwart! Scheint, sie waren doch nicht so clever wie sie dachten. | ||
| + | #[[Komfortzone|Opfer und Einsatz]] fordern bei anderen ist billig. Fangt bei euch selbst an: reduziert eure Renditeerwartungen und eure Boni! Kümmert euch um die Gesellschaft und nicht um euer Ego. | ||
| + | #Wenn ihr die Lösung aller Probleme kennt, dann überzeugt anstatt andere zu beschimpfen. | ||
| + | #Warum besteht bei euch die Lösung immer in neuen Geschäften mit [[Ökonomisierung des Lebens|neuem Zeugs]] für alte Probleme , Steuererleichterungen, Fördermitteln und anderen [[Hit-and-run-Kapitalismus|Privilegien]], die ihr braucht, um eure Unternehmen anständig zu führen? | ||
| + | #Wenn's euch hier nicht passt, geht doch nach China! | ||
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==Zitate aus der Wirtschaft== | ==Zitate aus der Wirtschaft== | ||
| - | Faul, ängstlich und ohne Ehrgeiz – der Staatsfonds-Star erklärt Europas Niedergang | + | Jetzt wittern die [[Hans-Werner Sinn|Helden der Wirtschaft]] Morgenluft und kriechen aus ihren Vorstandshöhlen. Die Ober-Checker, die ihr Leben lang an den Schalthebeln der Wirtschaftsmaschine rumfummeln durften, klagen darüber, dass sie nicht mehr läuft. |
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| + | Theodor Weimer, Vorstand deutsche Börse, aus The Europaen, 7.6.2024 | ||
| + | ''"Die Zeiten, wo man gesagt hätte: „Redet doch bitte Deutschland nicht schlecht“, it’s over, s’isch over, würde der Wolfgang Schäuble gesagt habe: „S’isch over.“ Ja? Wir müssen der Realität ins Auge blicken, und wir müssen uns auf unsere Tugenden wieder besinnen, und da gehört auch ein bisschen Fleiß dazu. Ja? Was wir angerichtet haben mit dieser Work-Life-Balance-Geschichte, was wir angerichtet haben mit Home-Office, darüber können wir gleich diskutieren. Ich danke Ihnen."'' | ||
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| + | ''Die Welt wird immer leistungsfähiger – und Deutschland fällt zurück'' | ||
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| + | ''Faul, ängstlich und ohne Ehrgeiz – der Staatsfonds-Star erklärt Europas Niedergang'' | ||
Welt, 2.5.2024 über Nicolai Tangen, norwegischer Staatsfondmanager | Welt, 2.5.2024 über Nicolai Tangen, norwegischer Staatsfondmanager | ||
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Finanzierung.com | Finanzierung.com | ||
| - | Weiter so wird uns Wohlstand kosten | + | ''Weiter so wird uns Wohlstand kosten |
| - | Bundesverband Deutscher Leasing-Unternehmen kritisiert Förderpolitik der Bundesregierung und warnt vor Abstieg des Standorts Deutschland | + | Bundesverband Deutscher Leasing-Unternehmen kritisiert Förderpolitik der Bundesregierung und warnt vor Abstieg des Standorts Deutschland'' |
| - | Nikolas Stihl, Chef des gleichnamigen Motorsägenherstellers, kritisiert die deutsche Energiewende-Politik massiv. Er sieht Fehler in der Vergangenheit und blickt mit großer Skepsis in die Zukunft. Die Atomkraftwerke hätten nicht abgeschaltet werden dürfen, sagt er. | + | ''Nikolas Stihl, Chef des gleichnamigen Motorsägenherstellers, kritisiert die deutsche Energiewende-Politik massiv. Er sieht Fehler in der Vergangenheit und blickt mit großer Skepsis in die Zukunft. Die Atomkraftwerke hätten nicht abgeschaltet werden dürfen, sagt er.'' |
27.12.2022, 12.17 Uhr Manager Magazin | 27.12.2022, 12.17 Uhr Manager Magazin | ||
| - | Viele Unternehmer klagen über zu hohe Energiepreise, zu viel Bürokratie, fehlende Wertschätzung. Einer von ihnen: Stefan Messer (68), Chefaufseher des gleichnamigen Industriegase-Herstellers (4,2 Milliarden Euro Umsatz). | + | ''Viele Unternehmer klagen über zu hohe Energiepreise, zu viel Bürokratie, fehlende Wertschätzung. Einer von ihnen: Stefan Messer (68), Chefaufseher des gleichnamigen Industriegase-Herstellers (4,2 Milliarden Euro Umsatz). |
| - | Messers Vorwurf: Die Minister der Ampel-Regierung sind zu unerfahren, um Deutschland gut durch die Krise zu steuern. „Es sind Politiker mit wenig Erfahrung an der Macht“, so Messer im „Handelsblatt“. | + | Messers Vorwurf: Die Minister der Ampel-Regierung sind zu unerfahren, um Deutschland gut durch die Krise zu steuern. „Es sind Politiker mit wenig Erfahrung an der Macht“, so Messer im „Handelsblatt“.'' |
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Merkur.de 4.5.2024 | Merkur.de 4.5.2024 | ||
| - | Polen entwickelt sich zu einem Magneten für deutsche Unternehmen. Auch der Versandhändler Otto schließt sich dieser Entwicklung an. | + | ''Polen entwickelt sich zu einem Magneten für deutsche Unternehmen. Auch der Versandhändler Otto schließt sich dieser Entwicklung an. |
| - | Für Deutschland dagegen wünscht sich der Unternehmer Otto eine bessere Stimmung. „Wir Deutschen neigen ohnehin eher zum Jammern und Klagen“, bemängelte er. Die wirtschaftliche Situation vieler Unternehmen sei besser als die Stimmung. Auf seinen Afrika-Reisen, wo er viel Armut sehe, würden die Menschen trotzdem „viel Fröhlichkeit“ zeigen. | + | Für Deutschland dagegen wünscht sich der Unternehmer Otto eine bessere Stimmung. „Wir Deutschen neigen ohnehin eher zum Jammern und Klagen“, bemängelte er. Die wirtschaftliche Situation vieler Unternehmen sei besser als die Stimmung. Auf seinen Afrika-Reisen, wo er viel Armut sehe, würden die Menschen trotzdem „viel Fröhlichkeit“ zeigen.'' |
| - | Arbeitgeberchef attackiert die Ampel und kritisiert »wirtschaftspolitischen Stillstand« | + | |
| - | Spitzenpolitiker der Bundesregierung müssen am Dienstag zum Arbeitgebertag. Was sie dort zu hören bekommen werden, dürfte ihnen nicht gefallen. Einen Vorgeschmack liefert nun Verbandspräsident Dulger. | + | ''Arbeitgeberchef attackiert die Ampel und kritisiert »wirtschaftspolitischen Stillstand« |
| + | Spitzenpolitiker der Bundesregierung müssen am Dienstag zum Arbeitgebertag. Was sie dort zu hören bekommen werden, dürfte ihnen nicht gefallen. Einen Vorgeschmack liefert nun Verbandspräsident Dulger.'' | ||
17.10.2023, 11.09 Uhr, Spiegel Wirtschaft | 17.10.2023, 11.09 Uhr, Spiegel Wirtschaft | ||
| - | "Toxische Bedingungen": Unternehmerin kritisiert Ampel-Regierung | + | ''"Toxische Bedingungen": Unternehmerin kritisiert Ampel-Regierung |
| - | Sarna Röser, Vorsitzende des Verbands "Die jungen Unternehmer", übte beim Sonntags-Stammtisch Kritik an der "ideologiegetriebenen Politik" der Bundesregierung. | + | Sarna Röser, Vorsitzende des Verbands "Die jungen Unternehmer", übte beim Sonntags-Stammtisch Kritik an der "ideologiegetriebenen Politik" der Bundesregierung.'' |
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| - | Europäische Firmen machen sich Sorgen, dass ihr Standort den Anschluss auf dem Weltmarkt verliert: Führende Manager fordern von der EU einen größeren Fokus auf Innovation und Zukunftstechnologien. | + | ''Europäische Firmen machen sich Sorgen, dass ihr Standort den Anschluss auf dem Weltmarkt verliert: Führende Manager fordern von der EU einen größeren Fokus auf Innovation und Zukunftstechnologien.'' |
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| + | ''Die Stimmung in der Wirtschaft ist schlecht. Eine neue Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey zeichnet ein verheerendes Bild.'' | ||
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| + | ''Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist schlecht, das ist bekannt. Aber dass sie so schlecht ist, das erschreckt dann doch: 130 Vorstände von in Deutschland tätigen Unternehmen hat die Unternehmensberatung McKinsey diesen Sommer befragt, nur zwei Prozent von ihnen glauben, dass die Erneuerung der deutschen Wirtschaft auf einem guten Weg ist'' | ||
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| + | 29.09.2024, F.A.S. | ||
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| + | Aber auch andere "Leistungsträger" jammern über mangelnde Anerkennung - und vergessen die finanzielle und gesellschaftliche Aufmerksamkeit, die sie jahrelang genießen durften. | ||
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| + | Ralf Schumacher kann nicht ertragen, dass sein Bruder Michael nicht Ehrenbürger der Stadt Kerpen wird. | ||
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| + | https://www.focus.de/kultur/stars/typisch-deutschland-ralf-schumacher-teilt-wut-post-nach-entscheidung-ueber-bruder-michael_id_260567950.html | ||
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| + | =Kein Mitleid! Nirgends= | ||
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| + | ...die Herren und Herrinnen Manager, Unternehmer und Celebrities stehen vor den Scherbenhaufen ihrer immer nur kurzfristig ausgerichteten Erfolgsstrategien der letzten Jahrzehnte und schieben die Schuld schnellstmöglich auf andere. Und Welt, Focus und Frankfurter Allgemeine immer vorne weg. Lineares Denken in einer nichtlinearen Welt endet halt irgendwann an der Wand! Da kann man soviel [[Bullshitphrasen]] und Hochglanzbilder generieren wie man will: die Wirklichkeit lässt sich nicht mit PowerPoint-Präsentationen und [[Propaganda|Marketing-Kampagnen]] verbiegen. | ||
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| + | Bevor wir den Herren und Damen Oberschlau auf den Leim gehen und die vermeintliche Regulierungswut zum Zwecke des Umwelt-, Verbraucher-, Gesundheits-, Arbeits- und Menschenschutz als alleinige Ursache für den gesellschaftlichen Niedergang akzeptieren, sollten wir ihnen mal ein paar Fragen stellen: | ||
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| + | *Was ist mit der Regulierungswut, der ihr in euren AGBs, in euren Verträgen mit Lieferanten, euren Stellen- und Prozessbeschreibungen freien Lauf lasst? | ||
| + | *Ihr schimpft über staatliche Planwirtschaft. Warum macht ihr dann 5-Jahres-Gewinnpläne, die ihr gnadenlos durchsetzt, ohne veränderte gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen zu beachten? | ||
| + | *Wer hat die Gesetze seit der Gründung unserer Bundesrepublik formuliert und beschlossen? Wer hat diese Gesellschaft maßgeblich mitbestimmt und die öffentliche Meinung tatkräftig gestaltet? Etablierte Parteien mit Lobbyisten aus Wirtschaft, Medien und Industrie! | ||
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| + | Wer trägt also die Verantwortung für den aktuellen Zustand? | ||
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| + | ==Warum Sabine?== | ||
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| + | Zu meinem Leidwesen reiht sich jetzt auch [[Sabine Hossenfelder]] in die Reihe der Deutschland-Disser ein [https://youtu.be/W1ZZ-Yni8Fg Video S. Hossenfelder]. | ||
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| + | Langsames Internet, schlechte Bahn, stockende E-Mobilität und unsinniger Atomaustieg sind die Themen, an denen sie sich abarbeitet. | ||
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| + | Ihre These: Wir sind zu langsam, weil wir so perfektionistisch sind. | ||
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| + | Nein! Wir sind so langsam, weil wir ein Land der Besserwisser und Oberlehrer sind. [[Reden statt denken|Wir haben zu allem eine Meinung]] aber riskieren nichts! | ||
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| + | ...und könnte es nicht sein, dass all das Symptome eines Niedergangs des westlichen [[Kapitalismus und Technologie|Kapitalismus]] und seiner Ignoranz gegenüber [[Alles wird Geschäft|allem was kein Geld einbringt]] sind? | ||
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| + | =Spass mit KI= | ||
| + | Ich habe die Seite als Input für Claude genutzt, um mir eine kleine Polemik im Stile Alfred Polgars erstellen zu lassen. Hier das Ergebnis: | ||
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| + | == Das Leid der Beschleuniger == | ||
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| + | ''Über die privilegierte Klage der Eliten gegen das lästige Tempo der Demokratie'' | ||
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| + | Es gibt Leiden, die man nicht sehen kann. Man muss sie sich erzählen lassen — von denen, die sie haben. Und sie erzählen es gerne. Auf Podien, in Talkshows, in Leitartikeln und, wo nötig, auch in eigens dafür gegründeten Thinktanks, die den schönen Auftrag haben, das zu denken, was die Geldgeber bereits gedacht haben, nur wissenschaftlicher. | ||
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| + | Das Leiden lautet: Es geht zu langsam. Zu viel Bürokratie. Zu viel Regulierung. Zu viel Demokratie, wenn man es freimütig sagen wollte — aber das sagt man nicht. Man sagt stattdessen: ''zu wenig Innovationsgeist''. ''Zu wenig Geschwindigkeit.'' ''Zu wenig Mut.'' Man liebt das ''Zu wenig'', weil es so unangreifbar klingt. Wer ist schon gegen Mut? | ||
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| + | === I. Die Kläger === | ||
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| + | Vorne an steht die Wirtschaft. Der Vorstandsvorsitzende, jene Erscheinung, die man sich als geraden Mann in einem geraden Anzug vorzustellen hat, betritt die Bühne des Wirtschaftsgipfels und erklärt: Deutschland ist zu langsam. Europa reguliert zu viel. Der Staat stört. Die Menschen arbeiten zu wenig. Die Work-Life-Balance ist ein Luxus, den man sich nicht leisten kann. Home-Office ist Bequemlichkeit auf Kosten der Zukunft. | ||
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| + | Dabei hat dieser Mann — oder diese Frau, die Gleichberechtigung hat auch die Chefetagen erreicht, wenigstens namentlich — sein Leben lang an jenen Schalthebeln gesessen, die er nun für defekt erklärt. Dreißig Jahre lang hat er die Lobbyisten geschickt, die Gesetze formuliert, die Steuerprivilegien verteidigt und die öffentliche Meinung mit Werbebudgets gepflegt, die manchen Staatshaushalten Ehre gemacht hätten. Und jetzt, da das Ergebnis dieser Arbeit vor ihm liegt wie ein Scherbenhaufen aus eigenem Porzellan, zeigt er — mit der Sicherheit des Unschuldigen — auf den Staat. | ||
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| + | Das Bürokratiemonster, das er beklagt, hat er selbst mitgezüchtet. Durch seine AGBs, die niemand liest und die trotzdem gelten. Durch seine Lieferantenverträge, die Dutzende Seiten Regulierung enthalten, verfasst von teuren Juristen, damit billige Lieferanten noch billiger werden. Durch seine Compliance-Abteilungen, seine Prozesshandbücher, seine fünfjährigen Gewinnpläne, die er ''gnadenlos'' — das Wort ist sein eigenes — durchsetzt, egal ob die Welt inzwischen eine andere geworden ist. | ||
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| + | Aber das ist sein Bürokratiemonster. Das andere, das staatliche, ist unerträglich. | ||
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| + | === II. Die Wissenschaftlerin === | ||
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| + | Etwas weiter rechts auf der Bühne, dort wo die Intellektualität beginnt, sitzt die Physikerin. Sie hat Gleichungen gelöst, die die meisten Menschen nicht lesen können, und ist deshalb berechtigt, über alles zu sprechen. Sie erklärt: Deutschland ist zu langsam, weil es zu perfektionistisch ist. Das Internet ist langsam, die Bahn verspätet, die E-Mobilität stockt, der Atomausstieg war falsch. | ||
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| + | Man nickt. Man nickt, weil sie Physikerin ist und weil Quantenfelder komplizierter sind als Zugverspätungen, und wer Erstere versteht, wird Letztere schon auch verstehen. | ||
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| + | Aber hier offenbart sich eine kleine erkenntnistheoretische Schwierigkeit: Physikalische Gesetze gelten für alle gleich. Gesellschaftliche gelten für manche mehr als für andere. Wer die Bahn benutzen ''muss'', weil er kein Auto hat oder keins bezahlen kann, leidet auf eine andere Weise unter ihrer Langsamkeit als jemand, der die Bahn benutzt, weil er klimabewusst sein möchte und es sich leisten kann. Die Diagnose mag dieselbe sein. Die Medizin, die man verschreibt, sollte es nicht sein. | ||
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| + | Perfektionismus als Ursache der Langsamkeit — das ist eine hübsche These. Sie hat den Vorzug, alle zu treffen und niemanden zu beschuldigen. Das ist die Stärke von Thesen, die aus der Vogelperspektive formuliert werden: Man sieht alles, aber man friert nicht. | ||
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| + | === III. Das Klagekonzert === | ||
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| + | Neben Wirtschaft und Wissenschaft hat auch die Kultur ihren Platz in diesem Konzert der Unzufriedenen gefunden. Der Celebrity — jener Mensch, der dadurch berühmt wurde, dass er etwas sehr gut kann oder sehr gut aussieht oder beides, und der deshalb glaubt, auch über den Zustand der Republik kompetent zu urteilen — klagt über fehlende Wertschätzung. Sein Bruder, sein Vater, er selbst: nicht geehrt, nicht bedacht, nicht gewürdigt von einem undankbaren Gemeinwesen, das seine Helden nicht kennt. | ||
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| + | Und der Unternehmer, der seine Arbeitsplätze nach Polen verlagert, sendet — noch im Aufbruch — Grüße aus Afrika, wo die Armen trotz ihrer Armut fröhlich seien. Die Implikation ist stillschweigend, aber laut: Wenn ihr, die ihr nicht arm seid, nicht fröhlich sein könnt, dann liegt es an euch. Diese Logik hat den Charme eines Schlages auf den Kopf. Man spürt ihn noch, wenn man schon nicht mehr versteht, wo er herkam. | ||
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| + | === IV. Die eigentliche Frage === | ||
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| + | Hinter all diesen Klagen, hinter dem Bürokratiemonster und dem Perfektionismusvorwurf und der Afrika-Fröhlichkeit, lauert eine Frage, die man nicht stellt, weil ihre Antwort unbequem ist: | ||
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| + | ''Für wen soll es schneller gehen?'' | ||
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| + | Demokratie ist langsam. Das ist kein Fehler. Das ist ihr Wesen. Sie ist langsam, weil sie versucht, alle mitzunehmen — nicht nur die, die die Konferenztickets bezahlen können. Sie produziert Bürokratie, weil Bürokratie das kodifizierte Misstrauen einer Gesellschaft gegenüber der Willkür der Mächtigen ist. Jedes Formular, das der Unternehmer verflucht, ist einmal geschrieben worden, weil irgendjemand irgendetwas getan hat, das man danach nicht mehr tun lassen wollte. | ||
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| + | Wenn die Privilegierten nach Geschwindigkeit rufen, meinen sie in aller Regel: ''schneller für uns''. Schnellere Genehmigungen für ihre Projekte. Schnellere Gewinne für ihre Aktionäre. Schnellere Abschreibungen. Schnellere Marktöffnungen. Die demokratischen Prozesse, die ihnen im Wege stehen — Bürgerbeteiligung, Umweltprüfungen, Arbeitnehmerrechte —, empfinden sie als Hindernisse, nicht als Errungenschaften. | ||
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| + | Was sie ''Regulierungswut'' nennen, heißt anderswo: Verbraucherschutz. Umweltrecht. Arbeitsrecht. Menschenrecht. Die Wut darüber ist verständlich. Nur ist es nicht die Wut der Unterdrückten. Es ist die Wut der Mächtigen, die sich zum ersten Mal an Grenzen stoßen. | ||
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| + | === V. Lineares Denken an der nichtlinearen Wand === | ||
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| + | Die tiefste Ironie dieser ganzen Klage ist die folgende: Die Männer und Frauen, die jahrzehntelang die Gesellschaft nach den Bedürfnissen des Quartalsberichts umgebaut haben — die den Staat kleingehungert, die Infrastruktur privatisiert, die Bildung ökonomisiert und die Kultur als Standortfaktor umdefiniert haben —, stehen nun vor den Konsequenzen und rufen: ''Zu langsam! Zu bürokratisch! Zu wenig mutig!'' | ||
| + | |||
| + | Lineares Denken in einer nichtlinearen Welt. Man kann es nicht eleganter sagen. Wer dreißig Jahre lang die Gesellschaft als Maschine behandelt und optimiert hat, darf sich nicht wundern, dass die Maschine nun nicht mehr läuft. Maschinen rosten. Gesellschaften auch. Aber Gesellschaften rosten schneller, wenn man sie nur nach dem Preis ihres Eisens bewertet. | ||
| + | |||
| + | Die Demokratie ist langsam. Sie ist unbequem. Sie ist manchmal — oft — enttäuschend. Aber sie ist die einzige Staatsform, die das Scheitern ihrer Entscheidungen überleben kann, weil sie die einzige ist, die ihr eigenes Scheitern eingesteht. | ||
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| + | Das Gegenteil davon — die schnelle, ungehinderte, regulierungsarme Entscheidung der Kompetenten — hat ebenfalls einen Namen. Und dieser Name fällt den Klägern nicht ein, wenn sie ihre Keynote Speeches halten. Was kein Wunder ist. Sie haben gute Redenschreiber. | ||
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| + | |||
| + | === Kein Mitleid. Nirgends. === | ||
| + | |||
| + | Es bleibt am Ende ein einfacher Befund: Wer jahrelang von den Strukturen profitiert hat, die er nun beklagt, hat das Recht zur Klage verwirkt. Nicht juristisch — das Jammern ist bekanntlich keine Straftat, sonst wären die Gefängnisse voll mit Unternehmensverbandspräsidenten. Aber moralisch. | ||
| + | |||
| + | Die Demokratie ist nicht zu langsam. Sie ist zu langsam ''für die, denen es zu gut geht, um zu warten''. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Ihn zu machen, erfordert allerdings eine Eigenschaft, die in den Vorstandsetagen selten gepflegt wird: | ||
| + | |||
| + | Bescheidenheit. | ||
| + | |||
| + | ---- | ||
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| + | ''Nach Alfred Polgar (1873–1955), der wusste: Der elegante Satz ist oft schärfer als das Messer — und hinterlässt keine Spuren, die man vor Gericht vorzeigen könnte.'' | ||
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| + | |||
| + | |||
| + | {{Claude|0,1}} | ||
Aktuelle Version vom 15:59, 13. Mär. 2026
Inhaltsverzeichnis |
Das Leid der Gierigen
2023 und 2024 erhebt sich ein grosses Jammern ob der schlechten Regierungsführung in Deutschland und der "Regulierungswut" in Europa.
Umsätze brechen ein und das Wachstum geht zurück.
Die Welt wird von Krisen gebeutelt und die Herr*innen in den Chefetagen klagen.
Hierzu ein paar Anmerkungen:
- Die Welt, wie sie heute ist, ist das Ergebnis aller vorangehenden Entscheidungen. Damit sind auch die Wirtschaftslenker*innen mitverantwortlich für die Gegenwart! Scheint, sie waren doch nicht so clever wie sie dachten.
- Opfer und Einsatz fordern bei anderen ist billig. Fangt bei euch selbst an: reduziert eure Renditeerwartungen und eure Boni! Kümmert euch um die Gesellschaft und nicht um euer Ego.
- Wenn ihr die Lösung aller Probleme kennt, dann überzeugt anstatt andere zu beschimpfen.
- Warum besteht bei euch die Lösung immer in neuen Geschäften mit neuem Zeugs für alte Probleme , Steuererleichterungen, Fördermitteln und anderen Privilegien, die ihr braucht, um eure Unternehmen anständig zu führen?
- Wenn's euch hier nicht passt, geht doch nach China!
Zitate aus der Wirtschaft
Jetzt wittern die Helden der Wirtschaft Morgenluft und kriechen aus ihren Vorstandshöhlen. Die Ober-Checker, die ihr Leben lang an den Schalthebeln der Wirtschaftsmaschine rumfummeln durften, klagen darüber, dass sie nicht mehr läuft.
Theodor Weimer, Vorstand deutsche Börse, aus The Europaen, 7.6.2024 "Die Zeiten, wo man gesagt hätte: „Redet doch bitte Deutschland nicht schlecht“, it’s over, s’isch over, würde der Wolfgang Schäuble gesagt habe: „S’isch over.“ Ja? Wir müssen der Realität ins Auge blicken, und wir müssen uns auf unsere Tugenden wieder besinnen, und da gehört auch ein bisschen Fleiß dazu. Ja? Was wir angerichtet haben mit dieser Work-Life-Balance-Geschichte, was wir angerichtet haben mit Home-Office, darüber können wir gleich diskutieren. Ich danke Ihnen."
Die Welt wird immer leistungsfähiger – und Deutschland fällt zurück
Welt, 04.06.2024
Faul, ängstlich und ohne Ehrgeiz – der Staatsfonds-Star erklärt Europas Niedergang
Welt, 2.5.2024 über Nicolai Tangen, norwegischer Staatsfondmanager
18.12.2023 – 12:46
Finanzierung.com
Weiter so wird uns Wohlstand kosten Bundesverband Deutscher Leasing-Unternehmen kritisiert Förderpolitik der Bundesregierung und warnt vor Abstieg des Standorts Deutschland
Nikolas Stihl, Chef des gleichnamigen Motorsägenherstellers, kritisiert die deutsche Energiewende-Politik massiv. Er sieht Fehler in der Vergangenheit und blickt mit großer Skepsis in die Zukunft. Die Atomkraftwerke hätten nicht abgeschaltet werden dürfen, sagt er.
27.12.2022, 12.17 Uhr Manager Magazin
Viele Unternehmer klagen über zu hohe Energiepreise, zu viel Bürokratie, fehlende Wertschätzung. Einer von ihnen: Stefan Messer (68), Chefaufseher des gleichnamigen Industriegase-Herstellers (4,2 Milliarden Euro Umsatz).
Messers Vorwurf: Die Minister der Ampel-Regierung sind zu unerfahren, um Deutschland gut durch die Krise zu steuern. „Es sind Politiker mit wenig Erfahrung an der Macht“, so Messer im „Handelsblatt“.
Bild
Merkur.de 4.5.2024
Polen entwickelt sich zu einem Magneten für deutsche Unternehmen. Auch der Versandhändler Otto schließt sich dieser Entwicklung an. Für Deutschland dagegen wünscht sich der Unternehmer Otto eine bessere Stimmung. „Wir Deutschen neigen ohnehin eher zum Jammern und Klagen“, bemängelte er. Die wirtschaftliche Situation vieler Unternehmen sei besser als die Stimmung. Auf seinen Afrika-Reisen, wo er viel Armut sehe, würden die Menschen trotzdem „viel Fröhlichkeit“ zeigen.
Arbeitgeberchef attackiert die Ampel und kritisiert »wirtschaftspolitischen Stillstand«
Spitzenpolitiker der Bundesregierung müssen am Dienstag zum Arbeitgebertag. Was sie dort zu hören bekommen werden, dürfte ihnen nicht gefallen. Einen Vorgeschmack liefert nun Verbandspräsident Dulger.
17.10.2023, 11.09 Uhr, Spiegel Wirtschaft
"Toxische Bedingungen": Unternehmerin kritisiert Ampel-Regierung
Sarna Röser, Vorsitzende des Verbands "Die jungen Unternehmer", übte beim Sonntags-Stammtisch Kritik an der "ideologiegetriebenen Politik" der Bundesregierung.
26.6.2023, BR
"Wir reden neue Technologien zu Tode"
Stand: 04.05.2024 04:08 Uhr, Tagesschau.de
Europäische Firmen machen sich Sorgen, dass ihr Standort den Anschluss auf dem Weltmarkt verliert: Führende Manager fordern von der EU einen größeren Fokus auf Innovation und Zukunftstechnologien.
Die Stimmung in der Wirtschaft ist schlecht. Eine neue Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey zeichnet ein verheerendes Bild.
Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist schlecht, das ist bekannt. Aber dass sie so schlecht ist, das erschreckt dann doch: 130 Vorstände von in Deutschland tätigen Unternehmen hat die Unternehmensberatung McKinsey diesen Sommer befragt, nur zwei Prozent von ihnen glauben, dass die Erneuerung der deutschen Wirtschaft auf einem guten Weg ist
29.09.2024, F.A.S.
Aber auch andere "Leistungsträger" jammern über mangelnde Anerkennung - und vergessen die finanzielle und gesellschaftliche Aufmerksamkeit, die sie jahrelang genießen durften.
Ralf Schumacher kann nicht ertragen, dass sein Bruder Michael nicht Ehrenbürger der Stadt Kerpen wird.
Kein Mitleid! Nirgends
...die Herren und Herrinnen Manager, Unternehmer und Celebrities stehen vor den Scherbenhaufen ihrer immer nur kurzfristig ausgerichteten Erfolgsstrategien der letzten Jahrzehnte und schieben die Schuld schnellstmöglich auf andere. Und Welt, Focus und Frankfurter Allgemeine immer vorne weg. Lineares Denken in einer nichtlinearen Welt endet halt irgendwann an der Wand! Da kann man soviel Bullshitphrasen und Hochglanzbilder generieren wie man will: die Wirklichkeit lässt sich nicht mit PowerPoint-Präsentationen und Marketing-Kampagnen verbiegen.
Bevor wir den Herren und Damen Oberschlau auf den Leim gehen und die vermeintliche Regulierungswut zum Zwecke des Umwelt-, Verbraucher-, Gesundheits-, Arbeits- und Menschenschutz als alleinige Ursache für den gesellschaftlichen Niedergang akzeptieren, sollten wir ihnen mal ein paar Fragen stellen:
- Was ist mit der Regulierungswut, der ihr in euren AGBs, in euren Verträgen mit Lieferanten, euren Stellen- und Prozessbeschreibungen freien Lauf lasst?
- Ihr schimpft über staatliche Planwirtschaft. Warum macht ihr dann 5-Jahres-Gewinnpläne, die ihr gnadenlos durchsetzt, ohne veränderte gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen zu beachten?
- Wer hat die Gesetze seit der Gründung unserer Bundesrepublik formuliert und beschlossen? Wer hat diese Gesellschaft maßgeblich mitbestimmt und die öffentliche Meinung tatkräftig gestaltet? Etablierte Parteien mit Lobbyisten aus Wirtschaft, Medien und Industrie!
Wer trägt also die Verantwortung für den aktuellen Zustand?
Warum Sabine?
Zu meinem Leidwesen reiht sich jetzt auch Sabine Hossenfelder in die Reihe der Deutschland-Disser ein Video S. Hossenfelder.
Langsames Internet, schlechte Bahn, stockende E-Mobilität und unsinniger Atomaustieg sind die Themen, an denen sie sich abarbeitet.
Ihre These: Wir sind zu langsam, weil wir so perfektionistisch sind.
Nein! Wir sind so langsam, weil wir ein Land der Besserwisser und Oberlehrer sind. Wir haben zu allem eine Meinung aber riskieren nichts!
...und könnte es nicht sein, dass all das Symptome eines Niedergangs des westlichen Kapitalismus und seiner Ignoranz gegenüber allem was kein Geld einbringt sind?
Spass mit KI
Ich habe die Seite als Input für Claude genutzt, um mir eine kleine Polemik im Stile Alfred Polgars erstellen zu lassen. Hier das Ergebnis:
Das Leid der Beschleuniger
Über die privilegierte Klage der Eliten gegen das lästige Tempo der Demokratie
Es gibt Leiden, die man nicht sehen kann. Man muss sie sich erzählen lassen — von denen, die sie haben. Und sie erzählen es gerne. Auf Podien, in Talkshows, in Leitartikeln und, wo nötig, auch in eigens dafür gegründeten Thinktanks, die den schönen Auftrag haben, das zu denken, was die Geldgeber bereits gedacht haben, nur wissenschaftlicher.
Das Leiden lautet: Es geht zu langsam. Zu viel Bürokratie. Zu viel Regulierung. Zu viel Demokratie, wenn man es freimütig sagen wollte — aber das sagt man nicht. Man sagt stattdessen: zu wenig Innovationsgeist. Zu wenig Geschwindigkeit. Zu wenig Mut. Man liebt das Zu wenig, weil es so unangreifbar klingt. Wer ist schon gegen Mut?
I. Die Kläger
Vorne an steht die Wirtschaft. Der Vorstandsvorsitzende, jene Erscheinung, die man sich als geraden Mann in einem geraden Anzug vorzustellen hat, betritt die Bühne des Wirtschaftsgipfels und erklärt: Deutschland ist zu langsam. Europa reguliert zu viel. Der Staat stört. Die Menschen arbeiten zu wenig. Die Work-Life-Balance ist ein Luxus, den man sich nicht leisten kann. Home-Office ist Bequemlichkeit auf Kosten der Zukunft.
Dabei hat dieser Mann — oder diese Frau, die Gleichberechtigung hat auch die Chefetagen erreicht, wenigstens namentlich — sein Leben lang an jenen Schalthebeln gesessen, die er nun für defekt erklärt. Dreißig Jahre lang hat er die Lobbyisten geschickt, die Gesetze formuliert, die Steuerprivilegien verteidigt und die öffentliche Meinung mit Werbebudgets gepflegt, die manchen Staatshaushalten Ehre gemacht hätten. Und jetzt, da das Ergebnis dieser Arbeit vor ihm liegt wie ein Scherbenhaufen aus eigenem Porzellan, zeigt er — mit der Sicherheit des Unschuldigen — auf den Staat.
Das Bürokratiemonster, das er beklagt, hat er selbst mitgezüchtet. Durch seine AGBs, die niemand liest und die trotzdem gelten. Durch seine Lieferantenverträge, die Dutzende Seiten Regulierung enthalten, verfasst von teuren Juristen, damit billige Lieferanten noch billiger werden. Durch seine Compliance-Abteilungen, seine Prozesshandbücher, seine fünfjährigen Gewinnpläne, die er gnadenlos — das Wort ist sein eigenes — durchsetzt, egal ob die Welt inzwischen eine andere geworden ist.
Aber das ist sein Bürokratiemonster. Das andere, das staatliche, ist unerträglich.
II. Die Wissenschaftlerin
Etwas weiter rechts auf der Bühne, dort wo die Intellektualität beginnt, sitzt die Physikerin. Sie hat Gleichungen gelöst, die die meisten Menschen nicht lesen können, und ist deshalb berechtigt, über alles zu sprechen. Sie erklärt: Deutschland ist zu langsam, weil es zu perfektionistisch ist. Das Internet ist langsam, die Bahn verspätet, die E-Mobilität stockt, der Atomausstieg war falsch.
Man nickt. Man nickt, weil sie Physikerin ist und weil Quantenfelder komplizierter sind als Zugverspätungen, und wer Erstere versteht, wird Letztere schon auch verstehen.
Aber hier offenbart sich eine kleine erkenntnistheoretische Schwierigkeit: Physikalische Gesetze gelten für alle gleich. Gesellschaftliche gelten für manche mehr als für andere. Wer die Bahn benutzen muss, weil er kein Auto hat oder keins bezahlen kann, leidet auf eine andere Weise unter ihrer Langsamkeit als jemand, der die Bahn benutzt, weil er klimabewusst sein möchte und es sich leisten kann. Die Diagnose mag dieselbe sein. Die Medizin, die man verschreibt, sollte es nicht sein.
Perfektionismus als Ursache der Langsamkeit — das ist eine hübsche These. Sie hat den Vorzug, alle zu treffen und niemanden zu beschuldigen. Das ist die Stärke von Thesen, die aus der Vogelperspektive formuliert werden: Man sieht alles, aber man friert nicht.
III. Das Klagekonzert
Neben Wirtschaft und Wissenschaft hat auch die Kultur ihren Platz in diesem Konzert der Unzufriedenen gefunden. Der Celebrity — jener Mensch, der dadurch berühmt wurde, dass er etwas sehr gut kann oder sehr gut aussieht oder beides, und der deshalb glaubt, auch über den Zustand der Republik kompetent zu urteilen — klagt über fehlende Wertschätzung. Sein Bruder, sein Vater, er selbst: nicht geehrt, nicht bedacht, nicht gewürdigt von einem undankbaren Gemeinwesen, das seine Helden nicht kennt.
Und der Unternehmer, der seine Arbeitsplätze nach Polen verlagert, sendet — noch im Aufbruch — Grüße aus Afrika, wo die Armen trotz ihrer Armut fröhlich seien. Die Implikation ist stillschweigend, aber laut: Wenn ihr, die ihr nicht arm seid, nicht fröhlich sein könnt, dann liegt es an euch. Diese Logik hat den Charme eines Schlages auf den Kopf. Man spürt ihn noch, wenn man schon nicht mehr versteht, wo er herkam.
IV. Die eigentliche Frage
Hinter all diesen Klagen, hinter dem Bürokratiemonster und dem Perfektionismusvorwurf und der Afrika-Fröhlichkeit, lauert eine Frage, die man nicht stellt, weil ihre Antwort unbequem ist:
Für wen soll es schneller gehen?
Demokratie ist langsam. Das ist kein Fehler. Das ist ihr Wesen. Sie ist langsam, weil sie versucht, alle mitzunehmen — nicht nur die, die die Konferenztickets bezahlen können. Sie produziert Bürokratie, weil Bürokratie das kodifizierte Misstrauen einer Gesellschaft gegenüber der Willkür der Mächtigen ist. Jedes Formular, das der Unternehmer verflucht, ist einmal geschrieben worden, weil irgendjemand irgendetwas getan hat, das man danach nicht mehr tun lassen wollte.
Wenn die Privilegierten nach Geschwindigkeit rufen, meinen sie in aller Regel: schneller für uns. Schnellere Genehmigungen für ihre Projekte. Schnellere Gewinne für ihre Aktionäre. Schnellere Abschreibungen. Schnellere Marktöffnungen. Die demokratischen Prozesse, die ihnen im Wege stehen — Bürgerbeteiligung, Umweltprüfungen, Arbeitnehmerrechte —, empfinden sie als Hindernisse, nicht als Errungenschaften.
Was sie Regulierungswut nennen, heißt anderswo: Verbraucherschutz. Umweltrecht. Arbeitsrecht. Menschenrecht. Die Wut darüber ist verständlich. Nur ist es nicht die Wut der Unterdrückten. Es ist die Wut der Mächtigen, die sich zum ersten Mal an Grenzen stoßen.
V. Lineares Denken an der nichtlinearen Wand
Die tiefste Ironie dieser ganzen Klage ist die folgende: Die Männer und Frauen, die jahrzehntelang die Gesellschaft nach den Bedürfnissen des Quartalsberichts umgebaut haben — die den Staat kleingehungert, die Infrastruktur privatisiert, die Bildung ökonomisiert und die Kultur als Standortfaktor umdefiniert haben —, stehen nun vor den Konsequenzen und rufen: Zu langsam! Zu bürokratisch! Zu wenig mutig!
Lineares Denken in einer nichtlinearen Welt. Man kann es nicht eleganter sagen. Wer dreißig Jahre lang die Gesellschaft als Maschine behandelt und optimiert hat, darf sich nicht wundern, dass die Maschine nun nicht mehr läuft. Maschinen rosten. Gesellschaften auch. Aber Gesellschaften rosten schneller, wenn man sie nur nach dem Preis ihres Eisens bewertet.
Die Demokratie ist langsam. Sie ist unbequem. Sie ist manchmal — oft — enttäuschend. Aber sie ist die einzige Staatsform, die das Scheitern ihrer Entscheidungen überleben kann, weil sie die einzige ist, die ihr eigenes Scheitern eingesteht.
Das Gegenteil davon — die schnelle, ungehinderte, regulierungsarme Entscheidung der Kompetenten — hat ebenfalls einen Namen. Und dieser Name fällt den Klägern nicht ein, wenn sie ihre Keynote Speeches halten. Was kein Wunder ist. Sie haben gute Redenschreiber.
Kein Mitleid. Nirgends.
Es bleibt am Ende ein einfacher Befund: Wer jahrelang von den Strukturen profitiert hat, die er nun beklagt, hat das Recht zur Klage verwirkt. Nicht juristisch — das Jammern ist bekanntlich keine Straftat, sonst wären die Gefängnisse voll mit Unternehmensverbandspräsidenten. Aber moralisch.
Die Demokratie ist nicht zu langsam. Sie ist zu langsam für die, denen es zu gut geht, um zu warten. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Ihn zu machen, erfordert allerdings eine Eigenschaft, die in den Vorstandsetagen selten gepflegt wird:
Bescheidenheit.
Nach Alfred Polgar (1873–1955), der wusste: Der elegante Satz ist oft schärfer als das Messer — und hinterlässt keine Spuren, die man vor Gericht vorzeigen könnte.
